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Hab ich das wirklich verdient? – Der Kampf mit dem inneren Hochstapler

Warum fällt es uns in der heutigen Zeit immer schwerer, unsere Erfolge auch als solche anzuerkennen? In diesem Beitrag gehe ich dem immer weiter verbreiteten Hochstapler-Syndrom auf die Spur.

“Vishen, ich glaube, ich leide am Hochstapler-Syndrom.” Während ich mit Vishen Lakhiani, dem Gründer von Mindvalley, einer der größten Online Akademien mit tausenden Studenten weltweit und New York Times Bestseller Autor von Lebe nach deinen eigenen Regeln: 10 Schritte zum unkonventionellen Denken in Berlin beim Abendessen sitze, überkommen mich schon wieder diese massiven Selbstzweifel.

Seitdem ich mich mit meinem Verlag auf ein zweites Buch geeinigt habe, habe ich kaum ein Wort zu Papier bringen können. Was soll ich denn meinen Lesern auch erzählen? Ich, der selbst immer wieder seine eigenen Vorsätze missachtet, zu spät ins Bett geht, zu viel am Handy hängt, zu sehr über den Sinn meiner Arbeit grübelt und zu oft in groteskes Selbstmitleid eines Millennials, dem es einfach zu gut geht, verfällt. Ich fühlte mich gerade nicht mehr in der Lage, irgendjemandem auch nur eine Lebensweisheit aufzutischen, so wahr sie auch sein möge.

“Warum glaubst du denn, du wärst ein Hochstapler?” Vishen grinste mich nur an. “Na ja, ich bin weit davon entfernt, meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Wie soll ich denn anderen Leuten helfen, ihr Leben zu verbessern, wenn ich mein eigenes nicht mal auf die Reihe bekomme?” Ich merkte, wie meine Schultern noch einen Zentimeter Richtung Boden sanken. “Ich bin nicht der tolle Hecht, wie es manchmal den Anschein hat.” Zu diesem Zeitpunkt grinste Vishen über beide Ohren. “Nein, das bist du nicht.” Ich blickte ein wenig überrascht auf. “Du bist noch viel besser.”

„Du bist nicht der Erfinder deiner Worte.“

Die Bedienung des hippen Fusion Lokals, in dem wir uns im Rahmen einer Berliner Tech Konferenz einfanden, servierte gerade ofenwarmes Brot mit einer Auswahl an hausgemachten Kräuteraufstrichen. “Jetzt lass mich dir mal was sagen.” begann Vishen und verhakte dabei seine Finger ineinander. “Dieser Hochstapler in dir, das ist dein Ego, dein größter innerer Kritiker, der nie zufrieden ist und immer mehr von allem will: Respekt, Anerkennung, Erfolg, Applaus. Dein Ego beansprucht das Buch und alles, was darin stehen wird für sich.”

Ich sah Vishen jetzt fragend und mit größter Aufmerksamkeit an. “Jetzt lass mich dir noch was sagen. Du bist nicht der Erfinder der Dinge, die du aufschreiben wirst. Du bist lediglich ein Knotenpunkt, ein Sammelbecken, in dem deine persönlichen Erfahrungen zusammenfinden. Das Schicksal gibt dir jetzt die Chance, deine Erkenntnisse mit der Welt zu teilen. Bist du bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen?” Diese Worte sollten noch die ganze Nacht in meinem Kopf nachhallen.

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Eine Generation von Hochstaplern

Der Begriff Hochstapler-Syndrom stammt übrigens auch nicht von mir. Dieses Phänomen wurde das erste Mal Ende der Siebziger als psychologisches Syndrom definiert und untersucht. Online finden sich bereits zahlreiche Studien und Artikel zum Thema und es scheint wohl eher normal als abnormal zu sein. Einige Erhebungen lassen vermuten, dass bis zu 70% von Menschen zwischen 30 und 40 glauben, sie hätten ihre Erfolgserlebnisse nicht verdient.

Warum sind genau Millennials nicht in der Lage, ihre persönlichen Erfolge als solche anzusehen? Ich selbst sehe einen Grund in unserer digitalen Vergleichskultur. Ob wir es wollen oder nicht, das Betrachten der sorgfältig kuratierten Einblicke in das Leben anderer nährt den Impuls, sich zu vergleichen. Das gemeine dabei ist, dass es uns passiert, auch wenn wir uns dessen bewusst sind.

Ich weiss natürlich, dass die Bildauswahl der Personen, denen ich folge, nicht unbedingt der Realität entspricht. Meist ist sie sogar weit davon entfernt. Aber mein Unterbewusstsein ist nicht so rational. Ich weiss es, aber ich fühle anders! Zum Verrücktwerden…

Du denkst, du bist ein Hochstapler? Du bist nicht allein…

Das Spannende an dem Hochstapler-Phänomen ist, dass es sich umso häufiger zeigt, je erfolgreicher wir werden. Ich erkläre mir das so: Je mehr Wissen und Können wir anhäufen, desto bewusster wird uns, wie viel mehr wir eigentlich wissen oder können könnten.

Auch Menschen, die wir als unglaublich erfolgreich erachten, haben oft dieselben Gedanken wie wir. Die Schauspielerin Emma Watson sagte einst: „Es ist fast so, dass je erfolgreicher ich bin, desto ungenügender fühle ich mich da ich denke, dass jeden Moment jemand erkennen könnte, dass ich ein totaler Betrüger bin und meinen Erfolg nicht verdient habe.“

Der Schriftsteller Seth Godin geht sogar noch einen Schritt weiter. Seth behauptet, jeder von uns ist auf eine gewisse Weise ein Hochstapler. Nach Seth verkaufen wir uns stets besser als wir eigentlich sind. Das Eingeständnis hilft dabei, besser damit umzugehen und ehrlich zu sich zu sein.

Was ist das Gegenteil des Hochstapler-Syndroms?

Wenn es das Gefühl gibt, etwas Verdientes nicht verdient zu haben, dann muss es ja nach dem Schatten-Licht-Prinzip auch das Gegenteil davon geben. Also das Gefühl, Fähigkeiten zu haben, die einem tatsächlich nicht innewohnen. Natürlich hat die Psychologie auch hier einen Namen dafür: den Dunning–Kruger Effekt, benannt nach den beiden Sozialpsychologen David Dunning und Justin Kruger. Dieser Effekt beschreibt die Annahme, wir wären begabter als wir es in Wirklichkeit sind.

Die Unterhaltungsbranche hat hier mit diversen Casting Shows sogar ein komplettes Geschäftsmodell mit diesem Effekt aufgebaut. Diese Schwächen der Selbsteinschätzung als Unterhaltung zu verkaufen halte ich für eine der unrühmlicheren Auswüchse unserer voyeuristischen Konsumgesellschaft. Lieber einen untalentierten Künstler zu viel als einen talentierten zu wenig.

Warum zweifeln wir an unserem Können?

Wir tappen hier in eine Falle, die sich aus unserer subjektiven Wahrnehmung ergibt. Von außen betrachtet sehen wir Erfolge eher als direktes Resultat der individuellen Fähigkeiten einer Person. Von innen betrachtet sehen wir vermehrt die Umstände und den Zufall als Grund für unseren Erfolg. Wenn andere uns dann für eine Errungenschaft loben für die wir uns aber nur bedingt verantwortlich sehen, halten wir das Lob für unverdient.

Das schöne an unserem Hirn ist, dass wir ihm ständig neue Dinge beibringen können. Unser Hirn ist plastisch und kann sich an die Herausforderungen der modernen Welt anpassen. Eine tolle Methode, das Hirn dabei zu unterstützen, ist, sich die wünschenswerten Denkmuster vor Augen zu führen. Hierzu habe ich für mich ein paar Gedanken aufgeschrieben, die sich für mich richtig anhören.

Ein paar Regeln im Kampf mit dem inneren Hochstapler

Nachdem Vishen mir seine Worte mit auf den Weg gegeben hat, habe ich neuen Mut gefasst und einige Regeln für mich im Kampf gegen den inneren Hochstapler aufgeschrieben, die ich gerne mit dir teile:

  1. Alles, was ich für wahr erkannt habe, wurde mir entweder beigebracht oder ich habe es erfahren oder beides.
  2. Wenn sich für mich etwas bewährt hat, dann kann ich es guten Gewissens weitergeben.
  3. Indem ich es auch nicht immer schaffe, meinen Ansprüchen zu genügen, kann ich mich in Menschen hineinversetzen, denen es ebenso geht.
  4. Große Ziele fordern mich dazu heraus, mich weiter zu entwickeln.
  5. Meine Erfahrungen sind wertvoll, solange sie authentisch bleiben.
  6. Ich muss nicht immer alles richtig machen, um zu wissen, was richtig ist.
  7. Es kann sein, dass ich einige meiner eigenen Ratschläge in ein paar Jahren hinterfrage. Das ist ok.
  8. Mich mit anderen zu vergleichen hindert mich daran, Einzigartiges zu erschaffen.
  9. Mich inspirieren zu lassen ist nicht dasselbe wie mich zu vergleichen.

Diese neun Regeln sind natürlich nicht in Stein gemeißelt sondern sind lediglich eine Momentaufnahme. Mir hilft es, mir hin und wieder die Denkweisen aufzuschreiben, die ich von mir selbst erwarte. Probiere es selbst mal aus. Hast du eine Regel, die hier noch nicht aufgelistet ist? Schreibe sie mir gerne.

Und wenn du denkst, du kannst nicht gut schreiben, denke daran, dass der große Schriftsteller Paulo Coelho mit seinem Werk „Der Alchemist“ nach der Erstveröffentlichung als Flop abgestempelt wurde. Erst, als der überzeugte Autor monatelang Klingen putzte, erkannten Leser, welcher Wert in dem Buch steckte. Der Rest ist Geschichte…

Allgemein, Flow, Geist

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